75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Als „Jahr der Bewährung für die europäischen Gesellschaften“ hat der Beauftragte der Landesregierung für das jüdische Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, Uwe Becker, das Jahr 2020 bezeichnet. Am 27. Januar 2020 jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers von Auschwitz zum 75. Mal.

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Uwe Becker
Uwe Becker

„Wenn demnächst wieder vielerorts Kränze niedergelegt werden, um den sechs Millionen ermordeten europäischen Jüdinnen und Juden zu gedenken, dann erwächst daraus gerade 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz eine besondere Verantwortung“, erklärte Becker. „Denn der Antisemitismus des 21. Jahrhunderts weht als Hauch von Auschwitz wieder durch zu viele Gassen unserer Städte in Europa, ohne dass seine bedrohliche Kälte die Menschen wirklich aufschreckt.“

„Wir sehen Angriffe auf Jüdinnen und Juden, die Schändung jüdischer Synagogen und Friedhöfe, Judenhass auf den Schulhöfen und auf Sportplätzen, wir sehen Angst und Verunsicherung bei jüdischen Familien. Wir sehen zu und sehen weg, aber wollen nicht begreifen, dass die Zukunft unseres gesellschaftlichen Miteinanders insgesamt in Gefahr ist. Unsere europäischen Gesellschaften gedenken viel, aber handeln zu wenig. Wenn wir nicht noch entschlossener für das jüdische Leben eintreten und jede Form der Judenfeindlichkeit, gleich wann und wo sie auftritt, aktiv bekämpfen, wächst die Gefahr, dass sich der Antisemitismus auch 2020 weiter ausbreiten kann.“

„Eine Wende in unserer Handlungskultur“

„Daher wird 2020 ein Jahr der Bewährung für die europäischen Gesellschaften: Denn entweder gelingt uns ein Zurückdrängen des Antisemitismus in allen Teilen Europas oder der Judenhass droht, das gesellschaftliche Klima Europas noch weiter zu vergiften.“
„Manchem fällt es leichter, den ermordeten Jüdinnen und Juden zu gedenken, als sich hier, heute und in der Zukunft entschieden und kompromisslos für jüdisches Leben in unserem Land oder auch für jüdisches Leben in Israel einzusetzen. Wir brauchen keine Wende in unserer Erinnerungskultur, wie sie von rechten Demagogen gefordert wird, sondern eine Wende in unserer Handlungskultur. Unser Handeln muss noch weitergehen als der richtige und wichtige Kampf gegen Judenfeindlichkeit. Es reicht nicht aus, Kränze niederzulegen. Wir müssen vielmehr Bäume jüdischen Lebens pflanzen. Dazu gehört die Vermittlung jüdischen Lebens, das sich nicht auf die Zeit des Holocaust begrenzt, sondern einen Beitrag zur Entwicklung Europas leistet.“

In Kindergärten, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen brauche es neue Formen, um ein selbstbewusstes Judentum als Teil der Identität unseres Landes zu vermitteln. Auch müsse ständig überprüft werden, ob in der Ausbildung von Lehrkräften und Lehrenden an Hochschulen, von Juristen, Polizeibeamtinnen und -beamten, von Jugendleiterinnen und -leitern im Sport wie im Sozialen noch stärker auf den Kampf gegen Antisemitismus eingegangen werden müsse. „Es bedarf einer stärkeren Sensibilisierung und inhaltlichen sowie argumentativen Stärkung aller, die als Multiplikatoren, als gesellschaftliche Akteure oder Meinungsbildner an gesellschaftlich relevanten Stellen Verantwortung tragen. Aber auch jede und jeder Einzelne kann die Stimme für jüdisches Leben und gegen Judenhass erheben, wenn im eigenen Umfeld antisemitische Töne anklingen“, erklärte Becker.

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