„Sie gehörten zu uns“

Mit einer Trauerfeier haben die Stadt Hanau und das Land Hessen der Opfer des rassistischen Anschlags gedacht. „Ich verneige mich vor den Opfern, die wir nicht vergessen werden“, sagte Ministerpräsident Volker Bouffier. An der Trauerfeier nahmen neben Bouffier und dem Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel teil.

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Ministerpräsident Volker Bouffier bei der Trauerfeier in Hanau
Ministerpräsident Volker Bouffier bei der Trauerfeier in Hanau

Weiter sagte Bouffier unter anderem: „Das, was geschah, macht uns fassungslos und traurig. Unser Mitgefühl, unser Mittrauern gilt den Angehörigen, den Familien, den Freunden der Opfer. Wir stehen an Ihrer Seite und wir wollen ihnen Halt geben. Die Opfer sind jäh aus ihrem Leben gerissen worden. Für ihre Familien wird es nie mehr so sein, wie es einmal war. Der Verlust ihrer Angehörigen schmerzt lebenslang.

Nur fünf Tage nach den Morden hier in Hanau mussten wir in Hessen einen weiteren Anschlag beklagen. In Volkmarsen wurden über 90 Menschen, darunter viele Kinder, schwerst verletzt. Sie wurden Opfer durch einen Mann, der mit seinem Auto bewusst versuchte, möglichst viele Menschen zu töten. Es gleicht einem Wunder, dass zumindest bislang von den Opfern noch niemand zu Tode kam. Trotzdem, auch diese Tat wird die Opfer und ihre Angehörigen ein Leben lang begleiten. Auch an diese Familien denke ich heute.

Die Angst darf nicht obsiegen

Die quälende Frage, die sie alle beschäftigt, warum gerade unsere Kinder, warum gerade unsere Geschwister, warum gerade unsere Mutter, unser Vater – warum wurden sie Opfer dieses Mordes? Darauf gibt es keine befriedigende Antwort. Und ich weiß, dass zur Trauer und zur Ungewissheit jetzt auch noch die Angst hinzugetreten ist. Die Angst davor, Opfer weiterer rassistischer Taten zu werden. Ich kann diese Angst gut verstehen. Aber die Angst darf nicht obsiegen, sie darf nicht die letzte Antwort sein. Im Gegenteil: wir alle wollen und wir alle müssen alles tun, damit alle Menschen in unserem Land ohne Angst leben können. Das ist unsere Verpflichtung. Und alles dafür zu tun, ist unser Versprechen.

Es ist eine besondere Aufgabe für die Sicherheitsbehörden, aber es ist natürlich auch Aufgabe von uns allen. Wir werden deshalb darüber sprechen, welche Konsequenzen wir nach diesen Taten ziehen. So muss es uns besser und früher gelingen zu erkennen, wo und wie sich ein Täter radikalisiert. Wir müssen verhindern, dass solche Menschen in den Besitz von Waffen kommen.

Der Schock, der Schmerz, die Trauer, ja auch der Zorn über das, was geschehen ist, erfordern von uns Entschlossenheit und Besonnenheit, aber vor allem auch dauerhaftes Handeln. Nicht nur heute, sondern dauernd.

Gegen Ausgrenzung, Rassismus, Hass und Gewalt

Der Täter handelte nach allem, was wir wissen, aus rassistischen und rechtsextremen Wahnvorstellungen. Es war keine fremdenfeindliche Tat. Das Wort „fremdenfeindlich“ ist das falsche Wort. Die Opfer waren keine Fremden, sie waren zum Teil hier geboren, aufgewachsen, und sie lebten alle schon lange hier. Hanau und Hessen waren ihre Heimat geworden. Sie gehörten zu unserer Gesellschaft, und sie gehörten zu uns.

Weil das so ist, ist diese Tat auch ein Anschlag auf die Art zu leben, wie wir leben wollen: frei, ohne Angst, in einer offenen Gesellschaft. Und deshalb sind wir auch alle gefordert, deshalb muss es darum gehen, jeder Form von Ausgrenzung, Rassismus, Hass und Gewalt entschlossen entgegenzutreten. Und die Botschaft muss immer klar sein: Wir lassen uns nicht spalten. Wir stehen zusammen.

Der Weg von den Worten zu den Taten ist nicht weit

Rassismus ist ein Gift. Ein Gift, das manchmal schleichend, manchmal unbedacht, aber immer öfter auch ganz offen zu Tage tritt. Es ist das Gift, das die Saat legt, aus der der Hass erwächst. Aus Worten des Hasses entsteht ein Klima des Hasses. Bei einem solchen Klima ist der Weg von den Worten zu den Taten nicht weit. Wir müssen deshalb wachsam sein. Wir dürfen nicht gleichgültig bleiben, und schon gar nicht Verständnis zeigen. Rassisten entgegenzutreten, mutig und klar, nicht nur heute, und nicht nur in Hanau, sondern immer, das ist unsere Pflicht. Das sind wir besonders auch den Opfern und ihren Familien schuldig.

Verehrte Angehörige, ich wünsche Ihnen, dass Sie mit der Zeit und Gottes Hilfe Schmerz und Trauer überwinden und wieder ein neues Kapitel Ihres Lebens mit Zuversicht beginnen können. Ich verneige mich vor den Opfern, die wir nicht vergessen werden:
Gökhan Gültekin
Sedat Gürbüz
Said Hashemi
Mercedes Kierpacz
Hamza Kenan Kurtovic
Vili-Viorel Păun
Fatih Saracoglu
Ferhat Unvar
Kaloyan Velkov
sowie die Mutter des Attentäters, die ebenso zu den Opfern zählt.

Unsere Anteilnahme und unsere Mittrauer gilt allen Angehörigen.“

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